Badewanne der Träume. Deutsches Schauspielhaus Hamburg, 5.12.2015

Gestern Abend im Hamburger Schauspielhaus die Premiere von “Schiff der Träume. Ein europäisches Requiem nach Federico Fellini” in der Regie der Intendantin Karin Beier gesehen. Was in den ersten 60 Minuten konzentriert als Schauspielkunst der kritischen Selbstreflexion des Künstlerischen begann, soff in einer über mehr als zwei Stunden ausgewalzten Peripetie in einen postpubertären Multikultiklamauk ab, der sich für keine Platitüde und keinen Griff in die inszenatorische Klamottenkiste zu schade war.

Nachdem die erste Partie noch relativ nah am Fellini-Original das egomane Kreisen der Kunst um die eigenen Befindlichkeiten analytisch auffächert und den Schauspielern immerhin die Möglichkeit eröffnet, das zum Zustand geronnene Sein mit den ihnen eigenen Mitteln von Sprache, Bewegung, Gestik und Mimik auf dieser weiten Bühne, vor einem großartigen Bühnenbild mit klugen Projektionen im Hintergrund, im Diskurs mit einem subtilen musikalischen Dialogpartner und von der Lichtregie im tieferen Sinne ‘beleuchtet’ im Ensemble auszuloten und ihm so Nuancen abzugewinnen, die dem Zuschauer ein neues Auffassen und Verstehen abverlangen, zieht die Dramaturgie diesem “Schiff der Träume” mit dem Auftritt der fünf Weisen aus dem Morgenland – aka: afrikanischen Flüchtlinge (oder sind es eher Migranten? who cares; Hauptsache, sie sind schwarz) – jäh den Stöpsel heraus.

Und es zeigt sich: das Schiff ist eine Badewanne, in der eine Truppe hip-hoppender Hanswurste, die als mediterrane boat people verkleidet wurden, clash-of-cultures Phrasen zu Betroffenheitsschaum schlagen. Der wird dann mit viel Körperakrobatik und einem gegen Null gehenden Schauspieltalent drei- oder viersprachig ins pflichtschuldigst betroffene Publikum hinein getrötet. Sozusagen als Einladung, jetzt gefälligst selber in die Wanne zu steigen und sich ein wenig darin zu suhlen. Irgendwann (man fragt sich: warum eigentlich? Ach so, ja; wir müssen die ganze Chose, die man uns eigentlich schon hinlänglich qua Publikumsadresse und obligatorisch-interaktiver Einlage im Diesseits der vierten Wand erklärt hat,  auch noch auf der Bühne nachgestellt bekommen. Wir sind doch im Theater – Mensch, fast hätte ich’s vergessen!) tritt dann auch wieder die eigentliche Schauspielkompagnie auf.

Und sie müht sich redlich, mit den uns Europäer endlich, endlich mit der profunden Erkenntnis unserer Bigotterie konfrontierenden und zur Veranschaulichung gelegentlich auch einmal minutenlang schön-schaurig im Trockendock “Schauspielhaus” ertrinkenden, dabei aber insgesamt recht fröhlichen edlen Wilden (sind übrigens alle drahtig, männlich, unter Dreißig. Schade – man hätte sich doch auch noch ein gerüttelt Maß Genderproblematik gewünscht!) ins Gespräch zu kommen. Ein bißchen Karikatur des kulturellen Fremdelns, ein bißchen Begegnung zwischen europäisch-hochkulturellem Menuett und afrikanischem Bass and Drums; am Ende auch gar ein wenig kulturverbindendes Line Dancing. Aber das reißt jetzt selbst ein Charlie Hübner, eine Perle von Rampensau, wie er an zwei, drei Stellen des Stückes zeigt, nicht mehr wirklich.

“Schiff der Träume. Ein europäisches Requiem nach Federico Fellini” in der Regie der Intendantin Karin Beier ist eine plakative Peinlichkeit verklemmter political correctness. Kein Fettnapf des abgestandendsten Gedankenschmalzes, in den hier nicht gesprungen wurde: ästhetizistischer Ennui, Eurozentrismuskritik, Gutmenschenbashing, Schlechtmenschenlob, Schlechtmenschenbashing, Gutmenschenlob. Sehr, sehr viel Vordergrund und einfache Antworten, die gleich wieder zurückgenommen werden. Immerhin; am Ende ein gediegen konfuser, mit Verve vorgetragener Schlussmonolog der Diva vor einem bühnentechnisch schön gemachten Schiffsuntergang des “European Cultural Cruises”-Liners. Das Stück als ganzes jedoch trivialisiert ästhetische wie moralisch-ethische Orientierungslosigkeit in einer konfusen Montage von bereits Gesagtem, Gedachtem und Gesehenem – was nicht ganz das Gleiche ist wie ein “poetisch-dramatischer Aufruf zur Kursänderung”, als den die Ankündigung im Spielplan den Filmklassiker von 1983 immerhin korrekt versteht. Über den schrieb Morando Morandini am 7.10.1983 in “Il Giorno”:

“Fellinianisch ohne Fellinismen (…) alles steht unter dem Zeichen der Trauer, ist jedoch heiter und sanft detachiert; reich an vielen Schönheiten, jedoch ohne inszenierte Übertreibungen; manchmal alarmierend, manchmal beängstigend, aber auch unterhaltsam, lustig, durchdrungen von einer ruhigen und vorsichtigen Liebe zum Leben. (…) Fellini mildert seine Vorliebe für die Karikatur, die scherzhafte Verhöhnung, die Monstrosität: in Bezug auf die Personen ist Zuneigung zu spüren, mit einem kritischen Detachement und vor allem mit Respekt.”

Das wäre in etwa eine Kritik ex negativo der gestrigen Premiere. In Fellinis Film gibt’s übrigens am Ende ein Nashorn im Rettungsboot; zu dieser Reverenz an Ionesco hat’s im Schauspielhaus nicht mehr gereicht. Honi soit qui mal y pense, leben doch die Nashörner in Afrika.

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