Unwort 1: „basal“

Ja, ich weiß – der Duden erlaubt es. Die Sprache ist nun einmal lebendig, und wir reichern sie ebenso stetig mit neuen Begriffen und Ausdrucksweisen an, wie wir andererseits Manches als zunehmend antiquiert empfinden und, indem wir es nicht mehr verwenden, dem Vergessen anheimgeben.

Aber das bedeutet nicht, dass man jeden Manierismus mitmachen muss. Und „basal“ – ein Adjektiv, dass zunehmend als Synonym für „grundlegend“ oder „fundamental“ verwendet wird, aber den Basalisten vermutlich ‘irgendwie’ schicker, wissenschaftlicher, unanzweifelbarer zu klingen scheint – ist so ein Fall.

Ein kurzer Blick auf die Gebrauchsgeschichte mit dem Google nGram-Viewer zeigt, dass die Worthäufigkeit (in Relation zu der erfassten Gesamtwortmenge deutscher Texte) im Zeitraum 1950-2008 insgesamt abgenommen hat:

Schaut man sich allerdings an, in welcher Sorte Text der Algorithmus um 1963 – also zur Zeit der basalen Hochkunjuktur – das Wort findet, so stellt man fest: es sind nahezu ausschließlich naturwissenschaftliche Texte:

Und das ist bis heute so geblieben: ‘basal’ wird als Adjektiv nach wie vor hauptsächlich in den Life Sciences, in der Chemie, der Geologie, vor allen Dingen aber in de facto englischsprachigen Texten verwendet. Siehe die oben angeführten vier Beispiele von englischsprachigen Artikeln aus Zeitschriften mit deutschsprachigem Titel.

Das „basal“ ist also schlicht eine ebenso ungelenke wie modische Eindeutschung des englischen ‘basic’, bei der man sich in der Textsorte der Ausgangsdomäne vergriffen hat. Für das eigentlich gemeinte ‘basic’ hingegen stehen uns bereits eine ganze Reihe adäquater deutscher Übersetzungen zur Verfügung, wie man auf leo.org nachschauen kann; darunter diese:

Warum also z.B. in einem literaturwissenschaftlichen Aufsatz auf ein „basales“ statt auf ein „grundlegendes“ Argument verweisen? Ich vermute, um zu markieren, dass es – siehe den letzen Eintrag in der vorangehenden Liste – nicht nach Seife schmeckt, d.h. alkalisch ist.

Bildergebnis für seife alkalisch

Woraus folgt, dass die richtig starken Argumente einen pH-Wert < 8 haben. Und da sage nochmal einer, die Literaturwissenschaften seien keine exakte Disziplin.