Zu Uwe Timms “Vogelweide”

Und auf die Frage, warum sie das alles so selbstverständlich entgegennahm, aber sich nichts von ihm hatte schenken lassen, sagte sie mit dem weichen polnischen Akzent: Weil du von mir dir kein Kind hast schenken lassen wollen.

Wie kompliziert dieser Satz war und das, was er bedeutete.

Uwe Timm, Vogelweide. Köln 2013, S.279

Treffender als jede wortreiche Herleitung eines Geschmacksurteils und als jede Umschreibung von Inhalt, Komposition und Thematik weist dieser kurze Passus, in dem sich die Stimme des sich erinnernden Protagonisten Eschenbach und die seines Erzählers berühren, auf das ästhetische Anliegen der Erzählkunst von Uwe Timm. In der Sprache seiner Texte begegnen und durchdringen sich die Dinge mit ihrer lautlichen wie gedanklichen Spiegelung. Die Sorgfalt, mit der ein Satz wie dieser von Timm gestaltet wird, verlangt zunächst ein genaues Beobachten dessen, was außerhalb seiner liegt, und dann ein Erkunden der Worte in jenen Dimensionen, die ihnen noch vor der Einpassung in die Syntax ein Eigengewicht verleihen. Dieses Eigengewicht schlägt sich in einer eigentümlich archaischen Dynamik nieder – einer Dynamik, die man zwar analytisch als die von Etymologie, Semantik und Prosodie kennzeichnen könnte. Aber das Analytische und seine trennscharfen Konzepte treffen es nicht; dem Phänomen, um das es diesen Texten geht, wird eine weichere Umschreibung – etwa als Wechselspiel von Laut und Bedeutung – gerade deshalb besser gerecht, weil sie eben keine unbeteiligte Objektivität suggeriert, sondern unser je eigenes Angerührtsein von den Worten mitdenken läßt.

Dieses Hinhören auf die Worte, dieses sich Einlassen auf ihren Eigensinn und ihre Geschichte und dieses Innehalten, bevor man sie in einen Satz und die Sätze in einen Text spannt, sind Uwe Timm schon immer ein Anliegen gewesen; das Thema wird in seinen poetologischen Texten wie in seinen Erzählungen und Romanen immer wieder aufgegriffen.  Und doch kenne ich keinen schöneren, stimmigeren Satz von ihm als dieses „Weil du von mir dir kein Kind hast schenken lassen wollen“, in dem der Fluß der Alliterationen in einem harten Kontrast steht zu der sperrigen, Konzentration erzwingenden Wortstellung.  Melodie und Syntax spiegeln hier aufs Exakteste den Widerstreit, der in und zwischen den beiden Figuren Selma und Eschenbach erst in einem Moment der Reflexion auf Vergangenes zu Bewußtsein kommt. Die Sprache vollzieht hier nochmals nach, was an der Erfahrung zwar vorbeigerauscht  war, aber in den Herzen der beiden haften geblieben ist. Selma, „die Silberschmiedin, mit der er seit zwei Jahren zusammen war – denn zusammenleben konnte man, da sie getrennt wohnten, nicht sagen“ und einem Freund Eschenbachs mit ihrer Weichheit „einem doch recht rückständigen, wenn auch sehr angenehmen Frauenbild“  zu entsprechen scheint, ist alles andere als passiv: sie gibt sich nicht hin, sie entscheidet sich zur Hingabe. Aber dieses Geschenk verwirrt den Helden und verängstigt ihn; er flüchtet sich in das Begehren nach Anna. Und so nimmt eine Katastrophe ihren Lauf zu einem guten Ende. Begehren, Liebe, Verlust sind die drei Leuchtfeuer, die ihren Streifen immer wieder über den weiten Nordseehimmel streichen lassen, den unser Held als Vogelwart nach seinem geschäftlichen wie emotionalen Bankerott  in der aufgehypten Metropole Berlin jetzt von der Veranda seines Wohncontainers auf einer einsamen Elbinsel aus mustert. Es sind drei große Themen, und der Roman wird ihnen gerecht, auch wenn manches an Verpackung und Drumherum verzichtbar gewesen wäre. Das beginnt bei der etwas knirschenden Wahlverwandschaften-Mechanik der Figurenkonstellation; es setzt sich fort bei der bemüht herbeizitierten und ins Figurentableau montierten „Norne“ – einer Meinungsforscherin, in deren Auftrag Eschenbach nach seinem unternehmerischen Scheitern als Chef einer Softwareentwicklungsfirma, die sich auf Prozessoptimierung spezialisiert hat, per Marktanalyse die statistische Logik des Paarungsglückes erkunden soll. Warum um Himmels Willen Uwe Timm diese Attacke auf Elisabeth Noelle-Neumann reitet, habe ich nicht begriffen. Abgesehen von der Peinlichkeit dieser verklemmten Schlüsselromanassonanz ist auch die Figur als solche nicht stimmig. Intertextuell verweist sie auf die Unberührbare aus Timms „Halbschatten“, erstens weil auch auf sie der begehrliche Blick Joseph Goebbels fällt, und zweitens weil sie ihr in ihrer emotionalen Kühle gleicht.  Aber sie gehört schlicht nicht in die gleiche Welt wie Eschenbach, und man nimmt ihr auch nicht das philosophische Interesse an einer Erkundung der Bedingungen menschlichen Glückes ab. Gedanklich ist es zwar richtig und wichtig, wenn der Roman-Diskurs über Begehren und Liebe sich der Frage widmet, inwieweit es nicht gerade die Kontingenz des Partnerglücks, des Glücks-Falles in Liebe und Vertrautheit ist, die wir uns bewahren müssen in einer Welt, die mehr und mehr auf den planbaren short term benefit von algorithmengesteuerten Recommender-Systemen setzt. Daß das Vertrauen auf die Statistik uns die beseelende Erfahrung des Kairos, des glücklichen Momentes raubt, weil sie uns die lustvolle Preisgabe an existentielle Risiken austreibt ist ein ebenso wichtiger Gedanke des Buches wie der, daß das Glück kein bei amazon.com oder parship.de orderbares Produkt ist, sondern ein von uns selbst zu gestaltender Prozeß. Es sind kluge und lebensweise Reflexionen, zu denen Timm seinem Helden da verhilft: „Das Glück des Augenblicks, sage ich, das Zugreifen, der Kairos, verstehst du, das ist Teil der Paargeschichte, der Fehler wie des Geglückten, das ist die Energie, die in kalten Zeiten wärmt…“ (273). Aber er handelt sich damit zugleich das ästhetische Dilemma ein, sich passagenweise hart an der Grenze zum Ideenroman zu bewegen. Einer Figur wie dem Ich-Erzähler und Begräbnisredner in Timms großem Roman „Rot“ hat man so einen Intellektualismus ohne weiteres abgenommen; in anderen Texten wie dem leichtfüßigeren „Freitisch“ hat Timm solchen Ernst doppelt zu brechen gewußt, und zwar mit Komik, mehr noch aber Dank einer gedoppelten Erzählperspektive, die einen autodiegetischen Ich-Erzähler zusammen mit einer Erzählfigur auftreten läßt, die ihrerseits erkennbar der ‚Vorwurf‘ für die Figur Eschenbach war. Auf der Szene der “Vogelweide” hält man jedoch vergebens nach so einem ästhetischen Gegengewicht Ausschau; man ist mit dem Helden Eschenbach allein und gefangen in Reflexionen, die mal die seinen sind und mal solche, denen er die Stimme leiht. Dafür gibt es immerhin den einen oder anderen kleinen Scherz am Rande: in „Freitisch“ fährt der zum Mülldeponieentwickler avancierte Alt-Achtundsechziger aus Berlin ein graues Saab-Cabrio; der farbenblinde Designer des Buchcovers hatte für uns daraus aber ein rotes gemacht (NB: siehe das Postscriptum unten!)  Das Lifestyle-Gefährt aus Schweden ist zwischenzeitlich offenbar direkt in Eschenbachs Berliner Garage gerollt – bis die Gerichtsvollzieherin kommt.  Solche augenzwinkernden Querverweise sind ebenso typisch für Timm wie es seine Gabe ist, stimmige Nebengeschichten und Nebenfiguren einzuflechten: ein Hafis und Goethe lesender persischer Nachbar im Berliner Plattenbau-Mileu; ein Obelixzauberer, der uns die Leichtigkeit des Seins aus der Nase zieht; eine Bankertochter im Kostüm, die zusammen mit ihrem gegeelten und prachtgebissigen Partner mal eben aus dem „Rot“-Universum zu uns überwechselt. Aber das sind letztlich alles nur narrative Schmankerl für die Timm-Gemeinde. Wer sich (noch) nicht dazurechnet, wird andere Fragen stellen und Beobachtungen machen. So wirft Sandra Kegel in ihrer Rezension dem Buch vor, es versinke im Anspielungssumpf:

Wie gern hätte man von diesem Autor etwas Überraschendes oder gar Neues über das Begehren erfahren. Stattdessen wirft er einen überreflektierten Blick auf unsere Wirklichkeit, der zu stereotypen Bildern führt. Der indianische Liebhaber, der Überlebenstraining in der Schorfheide anbietet, bleibt so behauptet wie der Stararchitekt, der Wohnsiedlungen in China baut, oder Annas wundersame Karriere als Erfolgsgaleristin in Amerika. Gern hätte man auf Keats und Goethe, Luther und Luhmann verzichtet, wenn man dafür mehr Uwe Timm im Original bekommen hätte.

Wenngleich ich für meinen Teil durchaus mehr und neues über das Begehren erfahren habe – die  Einwände zur gewollten Assemblage des Personals sind ebenso Ernst zu nehmen wie die zur Zitatenmontage; es wäre gewiß auch ohne den Nachweis der Belesenheit gegangen. Umsomehr jedoch gereicht für mich Timms „Vogelweide“ zum Verdienst, daß in dieser Welt die tiefgründigsten Verweise nur  angedeutet und vom Text behutsam knapp unterhalb der Wahrnehmungsschwelle gehalten werden. Daß der Held Eschenbach nichts mit dem Dichter des Parzival zu tun hat, wird uns zwar explizit gesagt; wieviel Gustav von Aschenbach jedoch in dieser Nordseevariante Veneziens wiederauflebt, darüber darf der Leser selber nachdenken – und auch darüber, ob es überhaupt sinnvoll ist, so einer Spur aus der fiktionalen Welt in die der Texte zu folgen. Denn die wichtigeren und wirkungsmächtigeren Spuren sind bereits in der Sprache gelegt, vor allen Dingen in der eigentümlichen, das mittelhochdeutsche „guot“ anklingen lassenden Redeweise Selmas:

Ich hoffte, du wirst mir wieder gut sein. Und jetzt? Später war es dieses Bild, das ihm immer wieder, wie auch jetzt, vor Augen kam und ihm für einen Moment den Atem nahm: Ihr stilles Weinen, in dem kein Vorwurf, nur Trauer war, und diese altertümliche Wendung: Du wirst mir wieder gut sein. Und wenig später war sie Ewald gut.

Das ist die Hoffnung, die dieses kluge Buch – trotz seiner kompositorischen, figürlichen und motivischen Ausreißer und seiner ‚Überreflektiertheit‘ (Kegel), die mancher ihm vorhalten mag – zu vermitteln weiß und gerade im Unausgesprochenen bekräftigt: daß wir einander gut sein mögen und vielleicht selbst angesichts des Begehrens gar treu, soweit unsere Kräfte eben reichen. Es ist eine Hoffnung, der zu Beginn der deutschen Literaturgeschichte einer Ausdruck verliehen hat, der diesem Roman zwar seinen Namen leiht, aber allenfalls noch in Gestalt des Falken aus dem späteren Lied des Kürenbergers um 1300 körperlich wie thematisch in ihm präsent sein mag. Dieser Namensgeber dichtete vor 800 Jahren:

Wol mich der stunde, daz ich si erkande, diu mir den lîp und den muot hât betwungen, Sît deich die sinne sô gar an si wande, der si mich hât mit ir güete verdrungen. Daz ich gescheiden von ir niht enkan, daz hât ir schœne und ir güete gemachet, und ir rôter munt, der sô lieplîchen lachet.

(Gelobt die Stunde, da ich sie erkannte, Die Leib und Seele mächtig mir bezwungen, Wo ich gebannt zu ihr die Sinne wandte, Die sie durch ihre Tugend mir entrungen! Daß ich ihr folgen muß, nicht anders kann, Das wirkte ihre Schönheit, ihre Güte Und ihres Lachemundes rote Blüte.

Nachgedichtet von Richard Zoozmann (1863-1934). In: Walther von der Vogelweide aus dem Mittelhochdeutschen übertragen eingeleitet und mit Anmerkungen versehen von Richard Zoozmann. Herausgeber: Jeannot Emil Freiherr von Grotthuss Druck und Verlag von Greiner und Pfeiffer Stuttgart 1907 (S. 18))

JCM, 20.11.2013

Postscriptum (28.10.2014): Von wegen “farbenblinder Designer des Buchcovers” – ‘markenblinder Betrachter’ müsste es heißen! Und ich leiste deshalb hier Abbitte bei Rudolf Linn, dem Designer des Umschlags, denn: der Saab ist auf der Cover-Rückseite sehr wohl im dezenten Grau und in Rückansicht abgebildet; rot prangt auf der Vorderseite vielmehr ein Käfer-Cabriolet, das dorthin direkt aus dem Inneren von “Freitisch” gerollt sein muß, denn dort macht sich der Held der Erzählung in einem solchen, geliehenen Wagen auf den Weg zu Arno Schmid: “Die Bekannte hatte ihn gewarnt, der Wagen, ein Cabrio, sei alt und das VW bedeute: Fehlerhafter Wagen. Beim Losfahren habe er noch überlegt, ob sich in dieser Redensart der Bildungsnotstand zeige, der damals schon beklagt wurde (…)”, S.40. Freitisch

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