{"id":1451,"date":"2015-12-06T11:47:36","date_gmt":"2015-12-06T11:47:36","guid":{"rendered":"http:\/\/jcmeister.de\/?p=1451"},"modified":"2023-05-23T20:10:32","modified_gmt":"2023-05-23T20:10:32","slug":"badewanne-der-traeume","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/jcmeister.de\/badewanne-der-traeume\/","title":{"rendered":"Badewanne der Tr\u00e4ume. Deutsches Schauspielhaus Hamburg, 5.12.2015"},"content":{"rendered":"\n<p>Gestern Abend im Hamburger Schauspielhaus die Premiere von &#8220;Schiff der Tr\u00e4ume. Ein europ\u00e4isches Requiem nach Federico Fellini&#8221; in der Regie der Intendantin Karin Beier gesehen. Was in den ersten 60 Minuten konzentriert als Schauspielkunst der kritischen Selbstreflexion des K\u00fcnstlerischen begann, soff in einer \u00fcber mehr als zwei Stunden ausgewalzten Peripetie in einen postpubert\u00e4ren Multikultiklamauk ab, der sich f\u00fcr keine Platit\u00fcde und keinen Griff in die inszenatorische Klamottenkiste zu schade war. <\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem die erste Partie noch relativ nah am Fellini-Original das egomane Kreisen der Kunst um die eigenen Befindlichkeiten analytisch auff\u00e4chert und den Schauspielern immerhin die M\u00f6glichkeit er\u00f6ffnet, das zum Zustand geronnene Sein mit den ihnen eigenen Mitteln von Sprache, Bewegung, Gestik und Mimik auf dieser weiten B\u00fchne, vor einem gro\u00dfartigen B\u00fchnenbild mit klugen Projektionen im Hintergrund, im Diskurs mit einem subtilen musikalischen Dialogpartner und von der Lichtregie im tieferen Sinne &#8216;beleuchtet&#8217; im Ensemble auszuloten und ihm so Nuancen abzugewinnen, die dem Zuschauer ein neues Auffassen und Verstehen abverlangen, zieht die Dramaturgie diesem &#8220;Schiff der Tr\u00e4ume&#8221; mit dem Auftritt der f\u00fcnf Weisen aus dem Morgenland &#8211; aka: afrikanischen Fl\u00fcchtlinge (oder sind es eher Migranten? who cares; Hauptsache, sie sind schwarz) &#8211; j\u00e4h den St\u00f6psel heraus.<\/p>\n\n\n\n<p>Und es zeigt sich: das Schiff ist eine Badewanne, in der eine Truppe hip-hoppender Hanswurste, die als mediterrane <em>boat people<\/em> verkleidet wurden, <em>clash-of-cultures<\/em> Phrasen zu Betroffenheitsschaum schlagen. Der wird dann mit viel K\u00f6rperakrobatik und einem gegen Null gehenden Schauspieltalent drei- oder viersprachig ins pflichtschuldigst betroffene Publikum hinein getr\u00f6tet. Sozusagen als Einladung, jetzt gef\u00e4lligst selber in die Wanne zu steigen und sich ein wenig darin zu suhlen. Irgendwann (man fragt sich: warum eigentlich? Ach so, ja; wir m\u00fcssen die ganze Chose, die man uns eigentlich schon hinl\u00e4nglich qua Publikumsadresse und obligatorisch-interaktiver Einlage im Diesseits der vierten Wand erkl\u00e4rt hat,&nbsp; auch noch auf der B\u00fchne nachgestellt bekommen. Wir sind doch im Theater &#8211; Mensch, fast h\u00e4tte ich&#8217;s vergessen!) tritt dann auch wieder die eigentliche Schauspielkompagnie auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Und sie m\u00fcht sich redlich, mit den uns Europ\u00e4er endlich, endlich mit der profunden Erkenntnis unserer Bigotterie konfrontierenden und zur Veranschaulichung gelegentlich auch einmal minutenlang sch\u00f6n-schaurig im Trockendock &#8220;Schauspielhaus&#8221; ertrinkenden, dabei aber insgesamt recht fr\u00f6hlichen edlen Wilden (sind \u00fcbrigens alle drahtig, m\u00e4nnlich, unter Drei\u00dfig. Schade &#8211; man h\u00e4tte sich doch auch noch ein ger\u00fcttelt Ma\u00df Genderproblematik gew\u00fcnscht!) ins Gespr\u00e4ch zu kommen. Ein bi\u00dfchen Karikatur des kulturellen Fremdelns, ein bi\u00dfchen Begegnung zwischen europ\u00e4isch-hochkulturellem Menuett und afrikanischem Bass and Drums; am Ende auch gar ein wenig kulturverbindendes Line Dancing. Aber das rei\u00dft jetzt selbst ein Charlie H\u00fcbner, eine Perle von Rampensau, wie er an zwei, drei Stellen des St\u00fcckes zeigt, nicht mehr wirklich.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Schiff der Tr\u00e4ume. Ein europ\u00e4isches Requiem nach Federico Fellini&#8221; in der Regie der Intendantin Karin Beier ist eine plakative Peinlichkeit verklemmter <em>political correctness<\/em>. Kein Fettnapf des abgestandendsten Gedankenschmalzes, in den hier nicht gesprungen wurde: \u00e4sthetizistischer Ennui, Eurozentrismuskritik, Gutmenschenbashing, Schlechtmenschenlob, Schlechtmenschenbashing, Gutmenschenlob. Sehr, sehr viel Vordergrund und einfache Antworten, die gleich wieder zur\u00fcckgenommen werden. Immerhin; am Ende ein gediegen konfuser, mit Verve vorgetragener Schlussmonolog der Diva vor einem b\u00fchnentechnisch sch\u00f6n gemachten Schiffsuntergang des &#8220;European Cultural Cruises&#8221;-Liners. Das St\u00fcck als ganzes jedoch trivialisiert \u00e4sthetische wie moralisch-ethische Orientierungslosigkeit in einer konfusen Montage von bereits Gesagtem, Gedachtem und Gesehenem &#8211; was nicht ganz das Gleiche ist wie ein &#8220;poetisch-dramatischer Aufruf zur Kurs\u00e4nderung&#8221;, als den die Ank\u00fcndigung im Spielplan den Filmklassiker von 1983 immerhin korrekt versteht. \u00dcber den schrieb Morando Morandini am 7.10.1983 in &#8220;Il Giorno&#8221;:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Fellinianisch ohne Fellinismen (&#8230;) alles steht unter dem Zeichen der Trauer, ist jedoch heiter und sanft detachiert; reich an vielen Sch\u00f6nheiten, jedoch ohne inszenierte \u00dcbertreibungen; manchmal alarmierend, manchmal be\u00e4ngstigend, aber auch unterhaltsam, lustig, durchdrungen von einer ruhigen und vorsichtigen Liebe zum Leben. (&#8230;) Fellini mildert seine Vorliebe f\u00fcr die Karikatur, die scherzhafte Verh\u00f6hnung, die Monstrosit\u00e4t: in Bezug auf die Personen ist Zuneigung zu sp\u00fcren, mit einem kritischen Detachement und vor allem mit Respekt.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>Das w\u00e4re in etwa eine Kritik <em>ex negativo<\/em> der gestrigen Premiere. In Fellinis Film gibt&#8217;s \u00fcbrigens am Ende ein Nashorn im Rettungsboot; zu dieser Reverenz an Ionesco hat&#8217;s im Schauspielhaus nicht mehr gereicht. Honi soit qui mal y pense, leben doch die Nash\u00f6rner in Afrika.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern Abend im Hamburger Schauspielhaus die Premiere von &#8220;Schiff der Tr\u00e4ume. Ein europ\u00e4isches Requiem nach Federico Fellini&#8221; in der Regie der Intendantin Karin Beier gesehen. 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