Im sechzigsten Jahr

Wie alle Gedichte beginnt auch dieses mit dem Titel.

Und da wird’s bereits problematisch. Denn der Hund von Verfasser hat offenbar einfach wild im probaten Zitatenschatzkästlein gestöbert und sich den erstbesten Knochen geschnappt, und auf dem nagt er nun herum.

Mea culpa. Alles, was ich bislang gesagt habe und was mithin gegen mich verwendet werden kann und wird, gipfelt außerdem schon in der zweiten Zeile in der ersten handfesten Katachrese, und davon gibt’s im Folgenden gleich jede Menge und überhaupt geht es stilistisch sowieso nur noch bergab. Was man schon daran merkt, dass auch (ein „auch“, liebe Ingeborg, mehr fällt für Dich hier nicht ab) das katachrestische Bild als solches ebenfalls ein dreister Diebstahl ist. Bei Cervantes nämlich schon lesen wir: „In dieser unserer Geschichte, das weiß ich, wird man alles finden, was man nur immer in der ergötzlichsten wünschen kann, und wenn irgendetwas Gutes darin fehlen sollte, so bin ich überzeugt, es liegt die Schuld mehr an dem Hund von Verfasser als an dem Gegenstand.“    

Unser Gedicht also beginnt … Gut, gut, zugestanden: dieses „unser“ ist plumpe, plumpeste, plumpumpeste (wenn man dem Pegasus erst einmal die Sporen in die Weichen gedrückt hat, gibt’s kein Halten mehr; ja! und jetzt geht [hier das „g“ bitte eidgenössisch mit der Ausatmung gutturalieren: „kchehhht…“] uns eine warme Ola-Welle der Begeisterung durch den inneren Circus Maximus der wohlfälligen Assoziationen; ah! ah!, melde gehorsamst mitempfunden zu haben mit dem Autor, recte: Hund von Verfasser! – Brav, mein Leser. Und jetzt: Abtreten!) {nix da, ich habe den parenthetischen Satzanfang sehr wohl noch parat:} Rhetorik. Captatio, Umarmungsgeste der ersten Person Plural. Du, mein Leser, zierst Dich? Nun denn, meinetwegen: ich habe Dich gewarnt. Ohne mich kommst Du hier vermutlich nie durch. Aber egal, Du hast es so gewollt:

Dieses mein Gedicht beginnt … Moment mal. Spätestens an dieser Stelle ist das natürlich im historischen Präsens gesprochen. Wie der geneigte Leser – aber ist es[1], das Lesende, überhaupt noch inkliniert, und wenn ja, wem oder was? Dem Duden oder dem Dativ-Objekt = „Hund von Verfasser?“ Wir, also ich, wollen/will es hoffen! – dieses cunilinguistische Präludium in extenso bemerkt zu haben nicht umhingekommen sein

Hoppla, hier tut sich schon der nächste digressive Malstrom auf, denn was ist jetzt eigentlich so hilfsverblich (I shot the Sheriff / but I didn’t shoot the deputy) angemessener: so ein richtig schleimiger Konjunktiv I = „dürfte“, oder, was zwar ein pädagogisches Armutszeichen, aber eben auch richtig, richtig mannhaft und außerdem einer der Griceschen Kommunikations-maximen gemäße Formulierung … wie bitte? welcher Maxime genau? Mensch, jetzt werfen Sie mich aber wirklich aus der Spur; wie soll ich das wissen! Da müsste ich nachschauen, oder Guggeln. Sagen wir mal: der dritten; die lautet: „Deine Rede sei….“ Wie meinen? Himmel, wo Sie Recht haben, haben Sie Recht – ja, das ist dann wohl doch eher Luther. Ok, Ok, dann schaue ich eben mal schnell nach. Hier: Herbert Paul Grice, Logic and Conversation (1989). Da steht’s:

„Maximen der Modalität:

  1. Fasse Dich kurz
  2. Sei ordentlich.“

Ergo „wird“. Also: Wie der geneigte usw. bemerkt zu haben nicht umhingekommen sein – an dieser Stelle jetzt bitte auch noch schnell die freudige Überraschung über die justament zuteil gewordene Einsicht in die unabweisbare Folgerichtigkeit des eigenen Gedankens mit INBRUNST [gibt es auch eine AUSSEN-BRUNST? Und wenn ja, darf man sie eigentlich zeigen?] als Oberton im vierten idiotischen Oktav zart anklingen lassen – umhingekommen sein, genau, wird.   (Wenn Sie noch eins oben draufsetzen wollen: sozusagen. Was sozusagen genau der Vorläufer des bräsigen genau war.) – Worumumhingekommen eigentlich fragen Sie? Ja lieber Leser, sind Sie denn überhaupt nicht mehr bei der Sache? So’ne kleine Hypotaxe und schon geben Sie den Löffel ab?

Wir waren beim Präsens, dem historischen. (Keine Sorge, ich kriege den anlasspoetischen Bogen schon noch hin, es kann sich nur noch um ein paar Seiten handeln. Aber am Ende ziehe ich Ihnen dann sowas von den Stöpsel!) „Dieses mein Gedicht beginnt,“ so hatte es oben in wohlüberlegter Meta-Reflexion geheißen.  Das ist aussagenlogisch zwar ein Widerspruch, aber in poetischer Rede erlaubt, auch wenn das Gedicht ja eigentlich schon vor geraumer Zeit begonnen hat, nämlich vor zwei Seiten. (Merke: Zeit und Raum sind eins. Sie können also ruhig sagen: „In spätestens 12 Seiten gehe ich zu Bett;“ das versteht jeder, der bis hierhin mitgelesen hat oder mitlesen musste.) Im historischen Präsenz wird alles Historische präsentisch. Eines der fundamentalen, trotz Augustinus und Husserl und Heidegger und Udo Jürgens und Nana Mouskouri (es geht da immer um Sein, um Zeit, um die Gegenwart der Vergangenheit – „Siebzehn Jahr, blondes Haar“ – wie um die Gegenwart der Zukunft – „Ein Schiff wird kommen“) virulent  gebliebenen existenzialphilosophischen Probleme ist übrigens, dass man, wenn selber man (kleiner Adorno-Schlenker, kommt immer gut) von irgendetwas im Präsens spricht, kaum noch auseinanderhalten kann, ob von dem Ding man spricht (1x ist kein Mal), über das man spricht, oder über das Sprechen und Denken und Empfinden über das  Ding, oder gar über, oder – well, you get the point. Infiniter Regress, mise en abyme. Und was uns dabei zunehmend abhandenkommt, ist übrigens: die Gegenwart der Gegenwart. Sagt Eckhart Tolle. Und Buddha auch.

Pardon, wie meinen? Ja, es geht in der Tat immer noch um den Anfang dieses Gedichtes. Als ich oben (Sie können das jetzt mal ruhig im Literalsinn von         

auffassen; Seite eins, dritte Zeile von unten) sagte

Dieses mein Gedicht beginnt …

hatte es wie gesagtn selbstverständlich bereits vor geraumer Zeit = Seiten begonnen.

Und jetzt kommt die Preisfrage:

WAS HAT DAS MIT IHNEN

UND DER ALLGEMEINEN RELATIVITÄTSTHEORIE ZU TUN?

So schwer ist das nun auch wieder nicht; ich habe Ihnen doch jede Menge kleine Hinweise in diesem Text geliefert. Nicht gerafft? Einfach mal ein bisschen mitdenken!

OK, noch ein letzter Tipp:

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/a/a2/Posta_Romana_-_1959_-_Laika_120_B.jpg/220px-Posta_Romana_-_1959_-_Laika_120_B.jpg

Got it? Nein? Armes Deutschland. Das ist Laika, die erste Hündin und überhaupt das erste terrestrische Wesen, das vom Menschen per Satellit in eine Erdumlaufbahn geschossen wurde. (Übrigens nicht verwandt mit Layla, die von Eric Clapton besungen wurde.)  Laika war wie gesagt ein Hund. Fällt jetzt endlich der

?

Genau (s.o.): Einstein’sche Relativitätstheorie – Hund in der Rakete – Hund von Verfasser – Autor – Gedicht – Problematik von Sein und Zeit – Sie selbst. Sie kennen doch das Gedankenexperiment, mit dem Einstein seine Theorie von der Relativität der Zeit illustriert hat; ich formuliere das mal eben um:

Ich, Autor = „Hund von Verfasser“ im Raumschiff, und das fliegt, wie die Assoziationen in diesem Text, mit Überlichtgeschwindigkeit dahin. (Wohin? Egal. Einfach ein paar mentale Universen weiter, und dann wieder zurück. Wie das halt so geht in einem Gedicht.) Sie, der Leser, beobachten das Ganze von Außen.  

So, und jetzt, nach einiger Zeit und einigen Seiten, bin ich wieder zurück, die Raumkapsel geht auf, ich steige aus aus meinem Gedicht, alles roger (ist ja Gottseidank nicht mehr die Technologie von 1957; Laika hat das Experiment bekanntlich nicht überlebt. Was übrigens die Frage nach dem Zusammenhang von Etymologie und dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik aufwirft; Sie kennen ja vermutlich die deutsche Redewendung „er ist ein armer Hund“. Mehr darüber ein ander Mal) und nun vergleichen wir unsere Uhren und Kalender. Sie wissen schon, was kommt: richtig, ich bin weniger gealtert als Sie; meine Zeit ist langsamer vorangeschritten als die Ihre. Man könnte auch sagen: relativ zu Ihnen bin ich schlicht jünger geworden.

Und das, verehrter Leser, erklärt nun auch den eigentümlichen ordinalzahllichen faux-pas, mit dem dieses Gedicht bereits im Titel begonnen hat: „Im sechzigsten Jahr.“  Denn natürlich war, als Sie diesen Text zu lesen begonnen haben, Ihr sechzigstes Lebensjahr bereits abgeschlossen – aus, perdu, Flaubert, vorbei. Ich hingegen hatte mich Dank überlichtgeschwindigkeitsschneller Assoziationsdichtung bereits jünger geschrieben. Für mich waren Sie noch, oder genauer, bereits wieder, sechzig. Und jetzt denken wir mal gemeinsam weiter, lateral:

Wenn wir jetzt die Rollen tauschen – Sie dichten, ich lese – dann werden umgekehrt Sie relativ zu mir als Leser Ihres Lebens: immer jünger. Also sechzig, neunundfünfzig, achtundfünfzig, usw. Und das passiert Ihnen nicht nur relativ zu mir, sondern ebenso relativ zu allen anderen, die sich mit dem Lesen bescheiden, weil sie das Dichten fürchten.

Was aber lehrt uns das? Richtig: Die Feder spitzen, her mit dem Tintenfass – fuck you, Luther! – und dem Pergament, und ab jetzt: DICHTEN, DICHTEN, DICHTEN!  

Dieses also, mein Bruderherz, soll von nun an Dein Leben sein: das Gedicht, das noch gar nicht begonnen hat, das noch geschrieben werden will von Dir selbst.

Wohin Dich diese entschleunigende, zeitumkehrende Selberlebenserschreibung am Ende führen wird – an dieser Stelle lohnt es übrigens in Erinnerung zu rufen, was der Koran den Märtyrern zur Belohnung verspricht – ja, einen Vorgeschmack auf diesen paradiesischen Zustand autobiographischer Entschleunigung und Regression bekommst Du, wenn Du jetzt unten den Stöpsel ziehst bzw. klickst: und dabei wünscht Dir viel Spaß, an einem und überhaupt jedem Tag wie diesem,

Dein Bruderherz Christoph

mit erster Gemahlin, a.k.a. Dich herzender Schwägerin Angela   

PS: Und nun klick mal hier:


[1] Geschlechtergerechte Amtssprache finde ich übrigens sowas von Scheiße.