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  • preis der künste

    Jetzt wird gehobelt!
    Jetzt fallen Späne!
    Jetzt ziehen wir das Rauhe glatt!


    Weißt du den Preis?
    Da ist ein Zauber, den‘s zu schauen
    gibt in dem stolzen Gegenüber
    das schaumgeboren vor dich tritt
    kein Werkstück, sondern Welt
    zeitlos und unbehauen

  • and suddenly it all made sense

    Das Morgenglück im Laken gefunden 
    da schlüpft es aus der Falte:
    kleinfingergroße Eidechse!

    Dein junges Lachen grüßt sie, und den Tag
    ja, springen wir ins Sonnenbad –
    lass uns auf glattem Fels die Wärme suchen

    Da streifen wir die spröde Nachthaut ab
    daß wir olivgrünflink geschmeidig werden
    wie‘s Totemtier unserer Träume.


  • fulcrum

    das tiefe licht
    am angelpunkt des dunkels -
    du fasst den strahl der wintersonne und entdeckst
    ein anlassloses glück

  • zum schnittpunkt

    Vom lendenzarten Du umfangen
    lag ich, und in der Beuge meines Arms
    ruhte Dein Haupt:
    Zwei Fäden, eng in- und umeinander
    gesponnen sahen wir den Himmel
    vor Sternen nicht.

    Jetzt steht er über uns geläutert, weit und licht
    zwei Himmelskörper ziehen durch den Raum
    und eine Spur von Sternenstaub ist Zeuge
    ihrer Doppelbahn, gemeinsam und zugleich
    jeder für sich.

    Und streben immer noch zu ihrem Schnittpunkt
    unendlich.


    towards the intersection

    Enveloped by your tender loins
    I lay, and in the crook of my arm rested
    your head:
    Two threads tightly entwined
    we did not see the heaven
    for the stars.

    Now pure and wide and bright it realms
    two bodies heavenly traverse the space
    a trace of stardust giving witness
    to their double trajectory, shared and
    at the same time solitary.

    And still they strive towards their intersection
    endlessly.
  • netting the world / weltenfang

    A silvery shoal of worlds
    we haul aboard on every trip
    a fine net made of concepts

    And yet something slips through
    free from the mesh of words:
    Presence precedes the spoken



    Ein Silberschwarm von Welten
    wir holen ihn ein auf jeder Fahrt
    im feinen Netz unsrer Begriffe

    Doch etwas schlüpft hindurch zuletzt
    bleibt frei vom Wortgewebe:
    Vor jedem Sagbaren ein Jetzt

  • Zukunftszauber

    Man trifft einander und erkennt
    am Andern, wie die Zeit verrennt;
    das Selbst richtet vom Ruhepol.
    - Wohl dem, der solches Urteil glaubt:

    Wer schreitend auf der Stelle geht
    dem hat's den Kompass umgedreht
    aufs Gestern, das den Zukunftszauber raubt.
    Wirfs über Bord - mag sein es taugt
    mitunter in der Lebensdrift,
    hilft meinetwegen Kurs zu halten. Aber rechne nicht

    auf den, der Du gewesen bist:
    Sei das, was wird und möglich ist.

  • Nutzen und Nachteil generativer Transformation

    Herr Chomsky hatte einen Freund
    um den heut' keine Krähe weint.
    Das wär uns eigentlich scheißegal
    hätte Herr Chomsky die Moral
    nicht wiederholt als harte Keule
    geschwungen; eine tiefe Beule
    hat nun seine Repu-tati-on.

    Ins Schmuddelige transformiert
    wurde, auch dies generativ
    prīncipium zu Altherrenmief.
    Was uns als Mitwelt sehr geniert.
    Conclusio - lerne davon:

    Es prüfe, wer zur Kanzel schreitet
    das eigne Kerbholz, es bereitet
    dem Menschen doch vielmehr Genuß
    wenn er sich selber zücht'gen muss!
  • substratum

    Man blickt sich um und stellt fest:
    Erschütterung ist aus der Mode gekommen;
    Ausnahmen vom Anstand sedimentieren
    zur Regel. – Da will man zuletzt

    nicht länger aufs Knirschen am Plattenrand warten:
    Tektonik braucht Zeit; muss intervenieren
    und habe mir dazu die Feder genommen.
    Die hämmer ich hart in die Scharte

    der allzugewöhnlichen Wirklichkeit.
    Sieh da: Es treibt auf dem Feuer,
    nur Schlacke die fest zu sein meint.

  • Gernhardts vermächtnis

    Der Mundwerker Gernhardt 
    insistiert auf der Form:

    Ein Elchgespann zieht auf der weiten Flur
    der leeren Seiten sonettförmig Spur.

    Enorm der Effekt!
    (Sofern man Form gern hat.)
    Robert Gernhardt, 13.12.1937 – 30.06.2006

  • divan mit blick ins offene

    Es mangelt, Mundschenk, dem Gefäß 
    das du mir reichst erkenntlich Geist -
    in deiner Schenke blakt das Licht
    erschöpfter Zukunftstrunkenheit.
    Und also macht sich Zweifel breit
    ob unbeschadet dieser Leere
    ein Restdunst Hoffnung darin noch
    beim letzten Schluck zu hoffen wäre...

    Ach Freund, beschwern wir diese hehren Tage
    doch nicht mit jener abgedroschnen Frage
    nach einem Endzweck unsrer Existenz:
    Der Schlegel saust, die Spreu zerstiebt
    und was da dann im Offnen liegt –
    wer weiß? Ein Korn vielleicht, man könnte
    es pflanzen, sich ein Brot draus backen
    Hölderlin lesen, einen Wein einpacken
    das Rettende erwartend eine Ode rezitieren
    Sentenzen memorieren; Scardanelli
    helfen beim Blattaufschlagen im Pirelli -

    Nun denn. Nichts, und mag es auch allzu sein
    vermag uns jetzt noch zu empören
    (es sei denn: Dummheit, Niedertracht,
    Idiotie, Geilheit nach Macht,
    etcetera). Kurzum: in diesem abgelaufnen Jahr
    hatten privatim Spaß wir, hatten Schwein -
    die Götter ließen Gnade walten? OK, fein.

    Wiewohl in jenen höher‘n Sphären
    bekanntlich nicht gewollt wird, nur gewürfelt:
    Wohl dem, dem darauf noch ein Reim
    einfällt... – Pronto, du Jünger des Hafis
    das Dasein sei uns weiterhin
    zwecklos zwar, aber doch Bedürfnis;
    entbehrt es auch des Sinns
    entbergen dennoch wir mit Lust
    auf diesem Divan unser Coeur der Brust.

    Jetzt noch ein Glas? Komm, schenke ein!

    (dem Weggenossen Rolf K. zum 31.1.)