vita contemplativa

  • divan mit blick ins offene

    Es mangelt, Mundschenk, dem Gefäß 
    das du mir reichst erkenntlich Geist -
    in deiner Schenke blakt das Licht
    erschöpfter Zukunftstrunkenheit.
    Und also macht sich Zweifel breit
    ob unbeschadet dieser Leere
    ein Restdunst Hoffnung darin noch
    beim letzten Schluck zu hoffen wäre...

    Ach Freund, beschwere diese hehren Tage
    doch nicht mit jener abgedroschnen Frage
    nach einem Endzweck deiner Existenz:
    Der Schlegel saust, die Spreu zerstiebt
    und was da dann im Offnen liegt –
    wer weiß? Ein Korn vielleicht, man könnte
    es pflanzen, sich ein Brot draus backen
    Hölderlin lesen, einen Wein einpacken
    das Rettende erwartend eine Ode rezitieren
    Sentenzen memorieren; Scardanelli
    helfen beim Blattaufschlagen im Pirelli -

    Nun denn. Nichts, und mag es auch allzu sein
    vermag uns jetzt noch zu empören
    (es sei denn: Dummheit, Niedertracht,
    Idiotie, Geilheit nach Macht,
    etcetera). In diesem abgelaufnen Jahr
    hattest privatim Spaß du, hattest Schwein -
    die Götter ließen Gnade walten? OK, fein.

    Wiewohl in jenen höher‘n Sphären
    bekanntlich nicht gewollt wird, nur gewürfelt:
    Wohl dem, dem darauf noch ein Reim
    einfällt... – Pronto, du Jünger des Hafis
    das Dasein sei uns weiterhin
    Bedürfnis; entbirgt es auch dem Sinn
    entbergen dennoch wir mit Lust
    auf diesem Divan unser Coeur der Brust.

    Jetzt noch ein Glas? Klar, warum nicht!

    (dem Weggenossen Rolf K. zum 31.1.)

  • danksagungen

    beim abrollen des knäuels

    Geschätzte Gratulanten,
    meines Gedenken seid bedankt!

    Indes der Protestant
    in mir fragt: Worin eigentlich bestand
    des so geehrten
    und zweifellos bedenkenswerten
    lobpreiserheischendes Verdienst?

    Nun ja, man hat gelebt – die Strecke ist ein wenig länger
    geworden; und um die Zukunft etwas wen‘ger bänger
    ist diesem Menschen, denn er weiß:
    am Ende wird unweigerlich gestorben -
    nicht Mann noch Mäusrich beißt
    der Weisheit Schluß den Faden ab.

    Worauf mein innrer Katholik schmerzlüstern repliziert:
    Oh ja, oh ja, im Grab
    schnürt’s Leben eh zu einem Knäuel sich zusammen!
    Urlaub im Fegefeuer! - Und darauf,
    skandiern mein Hindu und Buddhist,
    gleich eine neue Runde? Mist.

    „Mensch“, „Löffel“, „Apfel“, „Schaffner“ und „Verdienst“:
    Beim einen wie beim andern Wort verfangen
    Reimkünste nicht; auch der Sophist
    wringt aus dem Lappen keinen Funken:
    reim- also sinnlos meine Selbstbefragung ist.

    Da capo: Dank daß Ihr habt an mich gedacht;
    der Sekt ist ausgetrunken -
    wir haben scheint’s etwas gefeiert letzte Nacht.
    Jedoch: Was heute ist schien gestern morgen
    ein jeder also nehm‘ sein Knäuel wieder auf:

    Wirf und entwirr es und es wird der Lauf
    des Daseins sich erneut verstricken -
    Glück soll man nicht bloß tageweise feiern oder borgen
    man soll es teilen, umeinander wickeln!

    on unravelling the ball of yarn


    Esteemed well-wisher,
    how I thank you for your thoughts!

    And yet my inner Protestant will bicker:
    now what exactly was
    this man’s achievement worth such praise?

    Well, one has lived—the journey stretched a little longer
    a little less concern about the future
    acknowlegment of end in sight bestows
    a profound wisdom so morose
    no man or mouse dare monger.

    Wells up an inner Catholic lament:
    Oh yes, and in the morgues
    all will be tied up in a knot!
    Vacation in purgatory! - All this repent,
    my Hindu-Buddhist quickly retorts,
    for just another round? Well, thanks a lot!

    “Angel,” “bulb,” “woman, ”orange,” “merit” -
    these are just words, torn like old flags
    uttered to thwart the rhyming skill.
    Even a sophist will
    not wring a spark from soggy rags:
    No rhyme, no sense to my self-questioning.

    Da capo: Thank you for your thoughts;
    the champagne’s drunk, it seems we might
    have celebrated something this last night.
    Alas, today is merely yesterday’s tomorrow,
    so everyone pick up their ball of yarn:

    Throw and untangle it, beware
    our threads will weave a finer mesh —
    happiness is not what we borrow:
    it's what enwraps us as we share.

  • what’s wrong with love, peace and happiness?

    Ich wünsche mir das neue Jahr
    als unbeschrieb'nes Blatt
    das eine Blüte birgt
    noch ohne Form und Farbe zwar
    unausgesprochen das Versprechen
    das uns auf eine Hoffnung hoffen macht
    die in und um uns wirbt und wirkt

    A blank page this new year 
    I wish to be
    and harbouring a blossom
    shapeless and without colour yet
    unspoken is the promise
    that raises hope for hope
    to court us, weave within without

  • formfindung

    nicht reim nicht metrum, und doch
    fügt sich die folge der gesichte
    wird zum gedicht
    
    
    
    
    

    
    
  • seltsam die ehrfurcht

    In meinem Tagebuch
    für dieses Jahr die letzten Seiten;
    vor jedem Eintrag sprach's zu mir:
    zu Ende sei hiermit nun ein Erlebtes
    zu bringen und gefasst in Zeichen
    lebendig zu bewahren für ein helles Immer
    das dieser Band und keiner nach ihm fassen wird.

    Seltsam die Ehrfurcht
    vor dem leeren Blatt.

  • lotrecht

    
    
    
    
    
    spleiß' auf deine sinne
    und gleite hinab:
    lotrecht im wirbel
    suchst du den grund;
    ein senkblei im sein.

  • vulgo “leben”

    Im Wartesaal meiner Empfindungen 
    sitzt etwas, und es fragt
    nach Sinn und Seinsbegründung.

    Ein Vogel tschilpt; man hört das Meer -
    die beiden haben sehr viel mehr
    vom Leben.

    Von wegen Sinn, von wegen Grund,
    von wegen Ich: Da sitzt etwas und fühlt.
    Mehr braucht es nicht.

    Peter Kampitz über Otto Weinigers Kritik an Ernst Machs Ich-Konzept. Weiniger bezeichnete dieses Konzept spöttisch als das vom Ich als eines bloßen “Wartesaals der Empfindungen”.

  • umfängliche ode auf rühmkorf

    Dieser Mann wußte Zeilen
    mit Sägezahn zu feilen:
    RATSCH!
    Peter Rühmkorf, 25.10.29 – 08.06.2008
  • sarabande

    So auf einmal, dieser Sommer;
    am Rock hängt mir mein Gestern noch
    und will etwas zu Ende bringen.

    Bin aus dem Takt geraten
    im Reigen meiner Gegenwarten -
    so leichtfüßig die Zeit!

    Es bleibt nur eines: sei galant
    für ein paar Schritte mag sie dann
    an deinem Arm sich führen lassen...

    Schelmisches Kind, wir beide
    tanzen den Tanz, und wissen schon
    - Unsagbares bedarf der Trope -
    um seine Schlußfigur:
    eine Synkope.
    And just like that, another summer;
    my yesterday still tugging at my coat
    urging to finish something.

    I missed a beat, a jolt has struck
    the round-dance of my presences -
    how light-footed time is!

    What's left: just be gallant
    maybe for some steps then it might
    by your arm let itself be led...

    Mischievous child, the two of us
    will dance the dance, already do we know
    - unspeakable calls for a trope -
    its final movement:
    a syncope.

    
    
  • (-)flexiv

    Ich hab' gelegentlich
    Gefühle; Kopfschmerzen auch
    mitunter Lust
    erfreue mich an dem Besitz
    solang ich nicht im Fühlen wühle
    denn Selbstbezüglichkeit verschafft Verdruß