Herr Chomsky hatte einen Freund
um den heut' keine Krähe weint.
Das wär uns eigentlich scheißegal
hätte Herr Chomsky die Moral
nicht wiederholt als harte Keule
geschwungen; eine tiefe Beule
hat nun seine Repu-tati-on.
Ins Schmuddelige transformiert
wurde, auch dies generativ
prīncipium zu Altherrenmief.
Was uns als Mitwelt sehr geniert.
Conclusio - lerne davon:
Es prüfe, wer zur Kanzel schreitet
das eigne Kerbholz, es bereitet
dem Menschen doch vielmehr Genuß
wenn er sich selber zücht'gen muss!
vita contemplativa
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Nutzen und Nachteil generativer Transformation
-
substratum
Man blickt sich um und stellt fest:
Erschütterung ist aus der Mode gekommen;
Ausnahmen vom Anstand sedimentieren
zur Regel. – Da will man zuletzt
nicht länger aufs Knirschen am Plattenrand warten:
Tektonik braucht Zeit; muss intervenieren
und habe mir dazu die Feder genommen.
Die hämmer ich hart in die Scharte
der allzugewöhnlichen Wirklichkeit.
Sieh da: Es treibt auf dem Feuer,
nur Schlacke die fest zu sein meint. -
Gernhardts vermächtnis
Der Mundwerker Gernhardt
insistiert auf der Form:
Ein Elchgespann zieht auf der weiten Flur
der leeren Seiten sonettförmig Spur.
Enorm der Effekt!
(Sofern man Form gern hat.)
Robert Gernhardt, 13.12.1937 – 30.06.2006 -
divan mit blick ins offene
Es mangelt, Mundschenk, dem Gefäß
das du mir reichst erkenntlich Geist -
in deiner Schenke blakt das Licht
erschöpfter Zukunftstrunkenheit.
Und also macht sich Zweifel breit
ob unbeschadet dieser Leere
ein Restdunst Hoffnung darin noch
beim letzten Schluck zu hoffen wäre...
Ach Freund, beschwern wir diese hehren Tage
doch nicht mit jener abgedroschnen Frage
nach einem Endzweck unsrer Existenz:
Der Schlegel saust, die Spreu zerstiebt
und was da dann im Offnen liegt –
wer weiß? Ein Korn vielleicht, man könnte
es pflanzen, sich ein Brot draus backen
Hölderlin lesen, einen Wein einpacken
das Rettende erwartend eine Ode rezitieren
Sentenzen memorieren; Scardanelli
helfen beim Blattaufschlagen im Pirelli -
Nun denn. Nichts, und mag es auch allzu sein
vermag uns jetzt noch zu empören
(es sei denn: Dummheit, Niedertracht,
Idiotie, Geilheit nach Macht,
etcetera). Kurzum: in diesem abgelaufnen Jahr
hatten privatim Spaß wir, hatten Schwein -
die Götter ließen Gnade walten? OK, fein.
Wiewohl in jenen höher‘n Sphären
bekanntlich nicht gewollt wird, nur gewürfelt:
Wohl dem, dem darauf noch ein Reim
einfällt... – Pronto, du Jünger des Hafis
das Dasein sei uns weiterhin
zwecklos zwar, aber doch Bedürfnis;
entbehrt es auch des Sinns
entbergen dennoch wir mit Lust
auf diesem Divan unser Coeur der Brust.
Jetzt noch ein Glas? Komm, schenke ein!
The Creature Sculpture by Brett Murray (dem Weggenossen Rolf K. zum 31.1.)
-
danksagungen
beim abrollen des knäuels

Geschätzte Gratulanten,
meines Gedenken seid bedankt!
Indes der Protestant
in mir fragt: Worin eigentlich bestand
des so geehrten
und zweifellos bedenkenswerten
lobpreiserheischendes Verdienst?
Nun ja, man hat gelebt – die Strecke ist ein wenig länger
geworden; und um die Zukunft etwas wen‘ger bänger
ist diesem Menschen, denn er weiß:
am Ende wird unweigerlich gestorben -
nicht Mann noch Mäusrich beißt
der Weisheit Schluß den Faden ab.
Worauf mein innrer Katholik schmerzlüstern repliziert:
Oh ja, oh ja, im Grab
schnürt’s Leben eh zu einem Knäuel sich zusammen!
Urlaub im Fegefeuer! - Und darauf,
skandiern mein Hindu und Buddhist,
gleich eine neue Runde? Mist.
„Mensch“, „Löffel“, „Apfel“, „Schaffner“ und „Verdienst“:
Beim einen wie beim andern Wort verfangen
Reimkünste nicht; auch der Sophist
wringt aus dem Lappen keinen Funken:
reim- also sinnlos meine Selbstbefragung ist.
Da capo: Dank daß Ihr habt an mich gedacht;
der Sekt ist ausgetrunken -
wir haben scheint’s etwas gefeiert letzte Nacht.
Jedoch: Was heute ist schien gestern morgen
ein jeder also nehm‘ sein Knäuel wieder auf:
Wirf und entwirr es und es wird der Lauf
des Daseins sich erneut verstricken -
Glück soll man nicht bloß tageweise feiern oder borgen
man soll es teilen, umeinander wickeln!on unravelling the ball of yarn
Esteemed well-wisher,
how I thank you for your thoughts!
And yet my inner Protestant will bicker:
now what exactly was
this man’s achievement worth such praise?
Well, one has lived—the journey stretched a little longer
a little less concern about the future
acknowlegment of end in sight bestows
a profound wisdom so morose
no man or mouse dare monger.
Wells up an inner Catholic lament:
Oh yes, and in the morgues
all will be tied up in a knot!
Vacation in purgatory! - All this repent,
my Hindu-Buddhist quickly retorts,
for just another round? Well, thanks a lot!
“Angel,” “bulb,” “woman, ”orange,” “merit” -
these are just words, torn like old flags
uttered to thwart the rhyming skill.
Even a sophist will
not wring a spark from soggy rags:
No rhyme, no sense to my self-questioning.
Da capo: Thank you for your thoughts;
the champagne’s drunk, it seems we might
have celebrated something this last night.
Alas, today is merely yesterday’s tomorrow,
so everyone pick up their ball of yarn:
Throw and untangle it, beware
our threads will weave a finer mesh —
happiness is not what we borrow:
it's what enwraps us as we share.
-
what’s wrong with love, peace and happiness?
Ich wünsche mir das neue Jahr
als unbeschrieb'nes Blatt
das eine Blüte birgt
noch ohne Form und Farbe zwar
unausgesprochen das Versprechen
das uns auf eine Hoffnung hoffen macht
die in und um uns wirbt und wirktA blank page this new year
I wish to be
and harbouring a blossom
shapeless and without colour yet
unspoken is the promise
that raises hope for hope
to court us, weave within without -
formfindung
nicht reim nicht metrum, so fügt es sich
folge der gesichte wird gedicht -
seltsam die ehrfurcht
In meinem Tagebuch
für dieses Jahr die letzten Seiten;
vor jedem Eintrag sprach's zu mir:
zu Ende sei hiermit nun ein Erlebtes
zu bringen und gefasst in Zeichen
lebendig zu bewahren für ein helles Immer
das dieser Band und keiner nach ihm fassen wird.
Seltsam die Ehrfurcht
vor dem leeren Blatt. -
lotrecht
spleiß' auf deine sinne
und gleite hinab:
lotrecht im wirbel
suchst du den grund;
ein senkblei im sein. -
vulgo “leben”

Im Wartesaal meiner Empfindungen
sitzt etwas, und es fragt
nach Sinn und Seinsbegründung.
Ein Vogel tschilpt; man hört das Meer -
die beiden haben sehr viel mehr
vom Leben.
Von wegen Sinn, von wegen Grund,
von wegen Ich: Da sitzt etwas und fühlt.
Mehr braucht es nicht.Peter Kampitz über Otto Weinigers Kritik an Ernst Machs Ich-Konzept. Weiniger bezeichnete dieses Konzept spöttisch als das vom Ich als eines bloßen “Wartesaals der Empfindungen”.