Lehre

Wintersemester 2016-2017

Vorlesung:  Einführung in die ‘Digital Humanities’

LV-Nr.: 52-203     (T/M)  [DSL/DE-V-NdL] [DSL/DE-V3] [DSL/DE-V4b] [DSL-W] [SLM-WB] [MUK-V1]

Montags  10-12 ESA B

Digitale Medien und Technologien sind heutzutage ein selbstverständlicher Bestandteil unserer privaten wie beruflichen Alltagspraxis. Allerdings bleiben wir dabei in den meisten Fällen bloße ‚User‘, das heißt: Anwender von Geräten (Smartphones, Tablets, Notebooks etc.) und Nutzer von Informationsinfrastrukturen (Internet, Datenbanken, Social Media). Wir verwenden Vorhandenes je nach Bedarf und Funktionalität – aber was eigentlich unsere Bedarfe sind und welche Funktionen wir jeweils benötigen, darüber haben zuvor bereits die Systementwickler und Ingenieure entschieden, die uns bei unserer Praxis beobachtet haben.  Zumeist ist das, was dabei dann am Ende herauskommt, eigentlich nur eine Emulation – eine Nachbildung – traditioneller Verfahrensweisen: alter Wein in neuen Schläuchen. Dafür allerdings hip und in HD!

Auf analoge Weise hat sich während der letzten 20 auch im Alltag der Geisteswissenschaften die Nutzung digitaler Medien und Technologien etabliert: selten zielgerichtet und als eine bewusst geplante methodische Innovation, sondern eher als eine schrittweise Emulation traditioneller Praxis mit neuen technischen Mitteln. Die Vorlesung wird deshalb  zunächst  einen Überblick über die digitalen Technologien und Verfahren geben, die heute in unterschiedlichen geisteswissenschaftlichen Disziplinen wie Archeologie, Sprachwissenschaften, Kunstgeschichte, Medienwissenschaften, Literaturwissenschaften, Musikwissenschaften etc. zum Einsatz kommen. Neben dieser Bestandsaufnahme und der Präsentation von Beispielanwendungen soll jedoch vor allen Dingen die Frage nach dem methodologischen und konzeptionellen Zugewinn thematisiert werden, den das neue Methodenparadigma der sog. Digital Humanities birgt oder bergen könnte.  Zwei Thesen stehen dabei im Hintergrund: erstens, die Geisteswissenschaften sollten sich das neue Paradigma kritischer und selbstbewusster aneignen – Innovation, nicht Emulation traditioneller Praxis ist gefordert. Zweitens, der eigentlich Effekt des „Einzugs der Maschine in die Geisteswissenschaften“ ist konzeptioneller Natur: digitale Medien und Technologien, wenn sie reflektiert angewandt werden, erlauben uns die Bearbeitung von grundsätzlich neuen Forschungsfragen und eine neue Form des geisteswissenschaftlichen Forschens, die stärker als bisher auf Teamwork und Empirie setzt.

 

 

Erzählen – eine anthropologische Universalie?

LV-Nr. 52-242  [/dslde-v-ndl] [/dslde-v3] [dsl-w] [slm-wb] [dl-m8] [dl-m10] [dl-m13] [de-mke-ndl]

Montags, 14-16 Phil 1331
Die These vom „Erzählen als anthropologische Universalie“ ist spätestens seit dem Aufkommen der Narratologie in den 1960er Jahren immer wieder thematisiert worden; spätestens seit dem sog. ‚narrative turn‘ in den 1990e Jahren wird sie als mehr oder weniger selbstevident gehandelt. In der deutschsprachigen Literaturwissenschaft ist sie zuletzt u.a. von Alfred Koschorke in seinem Buch „Wahrheit und Erfindung. Grundzüge einer Allgemeinen Erzähltheorie“ (2012) diskutiert worden. Nach wie vor bedeutsam ist allerdings der 2004 von Galen Strawson formulierte Einwurf „Against Narrativity“: er stellt die unhintergehbar ‚narrative‘ Verfassung des menschlichen Denkens und unserer Kulturen, die immer wieder behauptet wird, grundsätzlich in Frage. – Das Seminar wird diese beiden konträren Grundpositionen auf der Basis einer intensiven Auseinandersetzung mit ausgewählten Texten diskutieren. Es setzt dabei eine solide Kenntnis der kanonischen narratologischen Konzepte und Begriffe voraus, die in dem Lehrbuch „Einführung in die Erzähltextanalyse“ (Silke Lahn und Jan Christoph Meister, Stuttgart/Weimar [metzler] 2008 bzw. 2013) vermittelt werden.

 

Wie entwickelt sich die ‚Narrativität‘ literarischer Epochen? ‚Distant Reading‘ basierte Verfahren zur Analyse großer Korpora

LV-Nr.: 52-245 (T/M) [/dslde-v-ndl] [/dslde-v3] [/dslde-v4b] [dsl-w] [slm-wb] [dl-m8] [dl-m12] [dl-m13] [de-mke-ndl] [mw-m5]

Dienstags, 10-12 Phil 1201

Das Seminar bietet eine Einführung in die Theorie und Praxis des sog. ‚Distant Reading‘-Verfahrens. Darunter versteht man digitale Methoden der Auswertung großer Textkorpora, bei denen nicht die intensive Auseinandersetzung mit einzelnen Texten im Vordergrund steht, sondern die Betrachtung von Textphänomenen, die sich erst in einer Globalperspektive auf das Gesamtkorpus als – zumeist statistisch fassbare – Strukturen, Korrelationen und Entwicklungen ausprägen. Mit diesem Ansatz und unter Anwendung konkreter Methoden wie z.B. der sog. ‚Event/Entity Extraction‘ (automatisches Herausfiltern von Ereignissen und Entitäten wie etwa Orts- und Figuren-/Personenverweisen) und ‚Topic Modelling‘ (Modellierung von Themen) lassen sich u.a. narratologische Phänomene analysieren. Im Seminar werden wir uns dabei auf das Phänomen der sog. ‚Narrativität’ konzentrieren und untersuchen, wie sich im Verlauf des 18. und 19. Jahrhunderts in der deutschsprachigen Erzählliteratur der Klassik und Romantik das Verhältnis zwischen szenischem und handlungsbezogenem Erzählen verändert hat.

 

Masterseminar: „Entsagung“ bei Goethe – Lebensphilosophie oder ironisches Konstrukt?

LV-Nr.: 52-263   [DL-M2] [DL-M10] [DL-M14]

Dienstags 14-16 Phil 1203

Das Seminar wird sich kritisch mit einem sowohl in der Goethe-Philologie wie in der allgemeinen Goethe-Rezeption verbreiteten und kultivierten Topos auseinandersetzen. Dieser Topos betrifft die in Goethes Werken ab den 1790er Jahren deutlich und im Verlauf der Werkgenese immer stärker ausgeprägten Thematisierung des Erziehungs- und Bildungsideals der sog. „Entsagung“: d.h. des – mehr oder minder – freiwilligen Verzichts auf unmittelbaren Lustgewinn, infolge das Subjekt seine soziale und historische Verantwortung erkennt und annimmt. Das damit vom ‚reifen’ Goethe anscheinend propagierte Ideal wird mitunter auch auf Goethes eigene Biographie projiziert und als Ausdruck einer Überwindung der früheren Sturm und Drang-Phase interpretiert. Nahezu unbeachtet ist bislang allerdings geblieben, dass in vielen Texten Goethes (so schon in der sog. ‚Prokurator-Novelle’ der „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten“ von 1794) das vermeintliche Bildungsideal ‚Entsagung’ durch Überzeichnungen wie durch seine fiktionale Kontextualisierung und Wortwahl oftmals auf eine Weise verhandelt wird, die auch eine gegenläufige Deutung zulässt: nämlich die als subtile Ironisierung und Kritik der ‚Entsagungsphilosophie’ als eines intrapsychisch ansetzenden Herrschaftsinstruments.
Das Seminar wird diese Frage in einem methodischen Doppelschritt untersuchen. Auf der einen Seite werden ausgewählte Textausschnitte aus Goethe-Texten (u.a. „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten“, „Die Wahlverwandschaften“, „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ und „Wilhelm Meisters Wanderjahre“, „Faust II“) im traditionellen philologischen Zugriff (‚Close Reading‘ und Diskussion von Forschungsliteratur) analysiert werden. Parallel dazu werden wir eine digitale, ‚Distant Reading‘-basierte Analyse des Goetheschen Gesamtwerkes vornehmen, um in einer Globalperspektive die Entwicklung der Entsagungs-Thematik und ihre mögliche Korrelation mit anderen Werkphänomenen auf thematischer wie linguistischer Ebene zu analysieren.

 

Doktorandenkolloquium
LV-Nr.: 52-272

Montags 16-18 Phil 413 (14tgl.)

In meinem DoktorandInnenkolloquium werden aktuelle und neue Promotionsvorhaben diskutiert, die im Wesentlichen zum Feld der Narratologie zählen. Für einen aktuellen Überblicke der Vorhaben siehe http://jcmeister.de/team/doktorandinnen/

Die Teilnahme am Kolloquium ist grundsätzlich den von mir betreuten KandidatInnen vorbehalten; auf Anfrage und in begründeten Fällen können jedoch auch externe Interessenten zu einzelnen Terminen hinzukommen. Bitte nehmen Sie ggf. per E-Mail mit mir Kontakt auf.